Brief an Dr. Schreiber
Liebe LeserInnen!
Da war ich gestern Nachmittag im schönen verregneten Köln etwa zwischen Reichenspergerplatz und Rhein unterwegs als mein Blick auf etwas fiel, dem man gemeinhin keine Bedeutung beimessen würde, es sei denn, man wäre so bekloppt und renne bei einem derartigen Sauwetter auf der Suche nach Stoff für die NHZ durch die Gegend.
Ein Stück Papier. Es lag bereits ganz schön bedröppelt vor mir auf der Straße und wären da nicht die Wertzeichen in der rechten oberen Ecke und das so offensichtliche Format von etwa 15,5 cm x 11 cm gewesen, welches in meinem Hirn sogleich eine Synapsenkaskade auslöste, so wäre ich wohl einfach weiter gelaufen und hätte mich keinen Deut darum geschert.
Da es sich jedoch eindeutigerweise um einen Briefumschlag handelte, sah ich, bereits neugierig geworden, ein wenig genauer hin und fing auch gleich an, über die etwas altmodischen Briefmarken zu rätseln, die vom nassen Laub fast verdeckt in rot und grün auf das Kuvert geklebt waren. Ich bückte mich und erkannte auf der grünen Marke die Zahl 10 über einem Posthorn sowie den antiquierten Schriftzug Deutsche Bundespost. Auf der roten Marke war die Zahl 20 und das Brandenburgertor zu erkennen. Ich fing an zu rechnen und konnte das Ergebnis kaum fassen. Die Summe beider Wertzeichen betrug sagenhafte 30! und nicht etwa Teurocent sondern schlicht und einfach Pfennig. Gute alte BRD-Pfennige.

© Eduard vom Steinhof -> Brief an Dr. Schreiber
Ich weiß nicht, wer von Ihnen liebe LeserInnen sich noch an Zeiten erinnern kann, zu denen die Deutsche Bundespost bereit war, Briefe zu einem Wahnsinnsspottbilligstgeizistamgeilstenpfennigfuchsertarif von sagenhaften 30 Pfennig nicht nur entgegen zu nehmen sondern sie sogar zu befördern. Sind derart hochbetagte Zeitzeugen nicht längst ausgestorben?
Nun gut, wenn ich den Brief gestern im Regen auf der Straße gefunden habe, fragen wir fairerweise nicht, wohin ihn die Post zu diesem vielleicht nicht ganz kostendeckenden Preis befördert hat und wir fragen natürlich schon überhaupt nicht, wie lange sie dafür gebraucht hat.
Ich hob also den vollkommen durchweichten Brief sachte auf ohne ihn zu verletzen und betrachtete ihn noch eindringlicher. Adressat war ein gewisser Herr Dr. Schreiber. Komisch, denn er sollte als Empfänger doch passenderweise eher Dr. Leser heißen. “Andere Zeiten, andere Sitten,” dachte ich bei mir. Postleitzahlen muss es damals bereits gegeben haben, wie sich aus meinen Recherchen ergab, doch dem Absender schien dies noch nicht geläufig zu sein und so stand einzig Köln am Rhein zu lesen. Darunter noch wie verlegen hinzugefügt die etwas präzisere Angabe Sedanstraße. Offensichtlich war der Brief aufgrund der mangelhaften Adressierung nicht exakt am Zielort ausgeliefert worden, denn ich befand mich in der Wörthstraße. Eine Parallelstraße weiter rheinabwärts.
Das war schon eine spannende Geschichte und ich konnte nicht weiter an mich halten und drehte den Briefumschlag. Auf der Rückseite mussten sich weitere Angaben finden lassen, die bei der Lösung des Rätsels, wer wann weshalb wohin usw. behilflich sein konnten. Zu meiner Enttäuschung war die Rückseite jedoch leer. Nicht einmal Reste von vor lauter Feuchtigkeit verlaufener Tinte. Nichts! Sie mögen an dieser Stelle meine spurensicherungstechnischen Defizite verzeihen. Sonst hätte ich möglicherweise noch ein wenig DNA des Absenders oder des Postboten nachweisen können. Vielleicht sollte ich demnächst mal einen Aufbaukurs an der Uni in Forensik für Journalisten belegen?
Mein letztes und ich muss zugeben nicht ganz koscheres Interesse war nun nurmehr auf den Inhalt gerichtet. Herr Dr. Schreiber und der unbekannte Absender mögen mir verzeihen. Kurzentschlossen und ohne weiter über mögliche strafrechtliche Folgen nachzudenken riss ich den Umschlag vorsichtig auf. Ich hatte weder Brieföffner noch Schweizermesser einstecken und so war es eine etwas mühsame Prozedur. Schließlich wollte ich den Inhalt ja nicht beschädigen.
Ich zog den eigentlichen Brief ganz behutsam heraus und faltete ihn mit ebensolcher Sorgfalt auseinander. Das Papier klebte an seinem Gegenüber und es drohte mehrfach auseinander zu reißen, so dass sich die Seite nur extrem langsam öffnen ließ. Immer wieder musste ich kurz innehalten umgreifen und das Blatt an einer anderen Stelle vorsichtigst weiter ziehen bis die Zugkraft auch an dieser Stelle zu groß wurde. Das stete Umgreifen und neu Ansetzen verhinderte die Zerstörung, es war die letzte und einzige Chance, das Geheimnis hinter diesem Schreiben aufzuklären.
Schließlich hatte ich alle noch vorher zusammenklebenden Teile akkurat voneinander getrennt und konnte lesen, was dem Absender 30 Pfennig wert gewesen war Herrn Dr. Schreiber mitzuteilen. Wenn Sie es auch wissen möchten, muss ich Sie leider an dieser Stelle an das Briefgeheimnis erinnern.
Es grüßt zu ewigem Stillschweigen verpflichtet
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Am 31. Oktober 2007 um 01:04 Uhr
Solch schöne Briefe verschickt die Post? Unglaublich! Dafür sollte es einen Finderlohn geben,
aber es hat ja schon immer Postgut gegeben, das der Adressat nicht mehr in Empfang nehmen konnte, weil…
Am 10. März 2008 um 23:21 Uhr
Schöne Geschichte!
Wie wärs mit einem verspätetem Zustellversuch? Schreibers wohnten in der Villa auf der Ecke Sedanstraße - An der Münze. Ich nehme aber an, dass die alten Schreibers dort nicht mehr leben. Vor einiger Zeit (einem Jahr?) wurde die Villa renoviert und es könnte sein, dass eines der Kinder nun dort lebt.
Vielleicht ist der Brief auch durch eine Aufräumaktion auf die Straße gelangt?..
Gruß aus der Nähe
Am 11. März 2008 um 16:32 Uhr
Lieber Herr Franke!
Nie hätte ich zu hoffen gewagt, es würde sich jemals jemand finden, der sich in Zusammenhang mit Dr. Schreibers Korrespondenz kompetent äußern und ein wenig Licht in das Dunkel des Mysteriums um oben abgebildeten Brief bringen könnte.
Vielen Dank dafür!
Die Geschichte hat sich übrigens fast genau wie oben beschrieben abgespielt und darf somit als wahr und im wahrsten Sinne des Wortes verbrieft in die Historie rund um den Kölner Ebertplatz eingehen.
Brennend interessieren würde mich natürlich noch, wie Sie denn auf meinen Artikel in der NHZ gestossen sind und würde mich sehr freuen, wenn Sie dieses Mysterium auch noch aufklären könnten.
Es grüßt alle findigen Kölner
Eduard vom Steinhof
Am 11. März 2008 um 23:54 Uhr
Also zum Weg des Briefes würde ich vermuten, dass er aus den damals noch an der Ecke Clever- / Wörthstraße stehenden Papiercontainer vor Ihre Füsse geraten ist. Also dürfte er tatsächlich einer Entsorgungsaktion entflohen sein und möchte sicherlich nicht mehr zurückzugestellt werden. Dorthin, wo er jahrzehntelang erfolglos auf die Erfüllung seines Brieflebens wartete. Trotz Ihrer Öffnung dürfte er nicht mit seinem Schicksal zufrieden sein, denn Sie sind nicht der gewünschte Empfänger.
So liegt das eigentliche Mysterium in dem Rätsel, dass er seinem richtigen Empfänger zugestellt von diesem nicht geöffnet wurde. Wußte dieser, was ihn im Brief erwartete? Unwahrscheinlich, wenn kein Absender angegeben und kein weiterer Hinweis erkennbar ist.
Nun sind Sie der Einzige, der ausser dem Absender den konkreten Inhalt kennt….
Mein Weg auf diese Seiten? Schwer nachzuvollziehen! Manchmal schaue ich mir die refferer aus meinem Webserverlog an. Viele Besucher kommen über Suchanfragen und manchmal probiere ich diese Anfragen selbst nochmal. Dabei dürfte ich auch auf Ihre Site gestoßen sein, denn eine direkte Verlinkung auf meine Seiten gab es hier nicht.
Ich werde meinen Blick, der sonst mehr über die Gebäude streift, zukünftig öfter auf den Boden richten. Vielleicht finde ich dann einmal einen ungeöffneten Brief an den Bahnhofsvorsteher des Bahnhofs am Thürmchen, oder das Programm des Kaisergartens oder eine Karte an den Jongleur des Zirkus Renz oder eine „offene“ Rechnung an den Wirt von „An der Münze“?
Am 14. März 2008 um 16:36 Uhr
Lieber Herr Franke!
Sollte es wirklich der Papiercontainer gewesen sein, so fordere ich die Stadt Köln umgehend auf, ihn sofort wieder an seinen Stammplatz zurück zu bringen. Eine Strafversetzung auf Grund der Vorkommnisse ist nicht nur maßlos überzogen sondern trifft in diesem Fall auch einen vollkommen Unschuldigen.
Bezüglich der Unzufriedenheit des Briefes mit seinem Schicksal muss ich Ihnen doch, wenn auch ungern, widersprechen. Ich bin der festen Überzeugung, der Brief war geradezu erpicht darauf, endlich von jemandem gefunden und aufgehoben zu werden, sonst hätte er sich nicht derart demonstrativ in meinen Weg gelegt.
Ähnlich einem Waisenkind, an dem adoptionswillige Paare über Jahre vorbeisehen und stets das nächste Kind in der Reihe auswählen, war er geradezu überglücklich nun endlich doch einen Empfänger gefunden zu haben, auch wenn ich nicht Dr. Schreiber war.
Um das Mysterium etwas zu lichten, kann ich Ihnen versichern, dass der Inhalt des Briefes nichts als die reine Leere war. Wer sie geschaut hat, kann getrost den Weg alles Vergänglichen antreten.
Erlauben Sie mir noch einen wohlmeinenden Rat. Behalten Sie Ihren Blick nach oben bei und senken Sie ihn nur hin und wieder gen Boden. Ihr Körper wird Ihnen die gesunde aufrechte Haltung danken. Auch wenn es gemeinhin heißt, das Glück liegt auf der Straße, sollte man nicht immer alles so wörtlich nehmen.
Es grüßt alle verwaisten Briefe
Eduard vom Steinhof