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Comment voulez-vous gouverner un pays qui a deux cent quarante-six variétés de fromage?

Tahiti, Hauptinsel von  Polynésie française, gleicht seit   kurzem  einem riesigen Tagebau. Die meisten der einst über 150.000 Einwohner des Archipels haben das französische Eiland im Südpazifik bereits verlassen, in den nun ausgestorbenen  Städtchen wie Papeete  trifft man  nur noch auf jenes Millionenheer chinesischer  Wanderarbeiter, die damit beschäftigt sind, das  Inselparadies Stein um Stein abzutragen und ins ferne Jangtse-Delta bei Shanghai zu verschiffen

Nach dem Drei-Schluchten-Staudamm, des größten  - und, wie viele Kritiker meinen, größenwahnsinnigsten -  Dammprojekts der Weltgeschichte, schickt sich die Volksrepublik zu einem weiteren Superlativ an:  das Projekt Tahiti-Shanghai. Nachdem schon seit den neunziger Jahren Fabriken und ganze Industriekomplexe in Europa und den USA demontiert und  in Chinas Wachstumszentren  neu errichtet worden, soll nun - rechtzeitig zum 60. Jahrestag der Staatsgründung im Oktober - eine ganze Insel in einem anderen Teil der Welt abgetragen und im Reich der Mitte neu errichtet werden.

Das Urspünge des Tahiti-Shanghai-Projekts  reichen zurück bis in die sechziger Jahre, in die Zeit der Auseinandersetzung zwischen der Sowjetunion und Maos Volksrepublik um den Führungsanspruch in der kommunistischen Bewegung einerseits und der Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und dem  Frankreich de Gaulles um die Souveranität der Grande Nation und den Führungsanspruch der USA innerhalb der NATO andererseits. Die Historie dieser Auseinandersetzung ist seit langem geschrieben: Der außenpolitsiche Bruch Chinas mit der Sowjetunion war 1965 vollzogen, ein Jahr später brach Mao selbst die  Beziehungen zwischen den kommunistischen Parteien beider Länder ab. Zur selben Zeit, am 1. Januar 1966, zog sich sich Frankreich aus allen militärischen Organen der NATO zurück.

Diese Trennung Chinas und Frankreichs  aus ihren jeweiligen Machtbündnissen wurde bereits zwei Jahre zuvor vorbereitet: Präsident de Gaulle reiste im Januar 1964 nach Peking  und erkannte das Kommunistenregime in Peking als erster westlicher Staatspräsident  an.  Vereinbart wurde damals auch, dass Frankreich sich Falle des  erhofften Bruchs zwischen Peking und Moskau aus der Militärorganisation der NATO zurückziehen werde. Und als Faustpfand versprach der mutige französiche General dem chinesischen Kommunistenführer die Insel Tahiti im Südpazifik, welche im Falle eines französischen Vertragsbruchs, d.h. einer vollständigen Rückkehr  Frankreichs  in der NATO an die Volksrepublik fallen solle.

Maos Erben  haben sich bis heute an die damaligen Absprachen gehalten, der jetzige  französische Präsident aber hat vor wenigen Wochen beschlossen, die Tahiti-Karte im  französisch-chinesischen Vertrag von 1964 ziehen und Frankreich wieder in die militätische Organisation der NATO einzubinden. Und so hat die Volksrepublik Gauguins Eiland im Pazifik  in Besitz nehmen dürfen und damit begonnen, den Archipel vom Südpazifik ins chinesiche Meer zu verfrachten.  Im Oktober 2009 soll Tahiti dann im Jangze-Delta neu erstanden sein, und französiche Soldaten, die zur Zeit noch bei der Perlensuche auf Bora-Bora eingesetzt sind,  sollen unter US-amerikanischen Oberbefehl Talibanstellungen in Tora-Bora ausheben.

Die Bauarbeiten im Meer vor Schanghai sind übrignes  (oder waren es zumindest bis zu dieser Veröffentlichung in der NHZ) auf google-earth zu sehen:

Präsident Sarkozy wird in Kreisen der französischen Linken derzeit die  Abwandlung eines  Zitats des großen de Gaulle in den Mund gelegt:

Comment voulez-vous gouverner un pays qui a deux cent quarante-six îles?

En offrir une île! hätte Mao gesagt und mit dem General einen Käse gegessen.

 

Alle Artikel des Autors: C.A. Rotwang

Eine Reaktion zu “Comment voulez-vous gouverner un pays qui a deux cent quarante-six variétés de fromage?”

  1. Meister Jeder Dadaist

    Liebste C.A.Rotwang,

    nach der Ernst-Thälmann-Insel nun auch noch Tahiti. Da sieht man mal wieder, welch depperte Ideen und Versprechungen unsere Politiker viel zu oft vom Stapel lassen. Wer weiss eigentlich, wem wir versprochen wurden. Etwa Bangladesh oder sogar Sulawesi? Wir erwarten die Nachricht, wem wir als Geschenk versprochen wurden tagtäglich.

    Meister Jeder, Pass verbrennend

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